Samstag, April 01, 2017

Erich Kästner: Der April

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldnen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch diesmal ist es dem März geglückt:
er hat ihn in den April geschickt.
Und schon hoppeln die Hasen,
mit Pinseln und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob's gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere,
er blickt dabei entschlossen ins Leere -
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan!

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
Hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.

Da kräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp sind die Hasen verschwunden.
Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Herzlichen Glückwunsch, Elmar


Herzlichen Glückwunsch, Elmar


Montag, März 13, 2017

Erich Kästner: Der März

Sonne lag krank im Bett.
Sitzt nun am Ofen.
Liest, was gewesen ist.
Liest Katastrophen.

Springflut und Havarie,
Sturm und Lawinen, -
gibt es denn niemals Ruh
drunten bei ihnen.

Schaut den Kalender an.
Steht drauf: " Es werde!"
Greift nach dem Opernglas.
Blickt auf die Erde.

Schnee vom vergangenen Jahr
blieb nicht der gleiche.
Liegt wie ein Bettbezug
klein auf der Bleiche.

Winter macht Inventur.
Will sich verändern.
Schrieb auf ein Angebot
aus andern Ländern.

Mustert im Fortgehn noch
Weiden und Erlen.
Kätzchen blühn silbergrau.
Schimmern wie Perlen.

In Baum und Krume regt
sich's allenthalben.
Radio meldet schon
Störche und Schwalben.

Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn du die Augen schließt,
hörst du sie läuten.

Montag, Februar 13, 2017

The end is coming

Donald Trump mag ein undisziplinerter, dummer, eingebildeter, selbstgefälliger, angeberischer Teenager, Angeber, Einfaltspinsel sein - aber die Vögel, die ihn umkreisen rangieren von "verschlagen" bis "pure evil": Stephen Bannon, Kellyanne Conway und die 100 Reiter der Apokalype. Während Stephen Bannon zu den Rechtsradikalen gehört, die meinen, die letzte Linie zwischen dem Ende der Welt und der rettenden Aussicht einer weißen Vorherrschaft zu sein, ist der gerade mal dreißigjährige, unter dem rassistischen angehenden Bundesanwalt Jeff Sessions großgewordene, Graf Zahl Darsteller,  Stephen Miller offensichtlich Anakin Skywalker auf Chrystal Meth. Die plumpe Unverstelltheit, mit der er Trump zum präponten Über-Erdogan ausruft ist atemberaubend - in seinen Stumpfsinn ebenso wie in der wadenbeißerischen Aggressivität

 vermeintlichen

Mittwoch, Februar 01, 2017

Erich Kästner: Der Februar

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.

Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.

In Brokat und seidnen Resten,
eine Maske vorm Gesicht,
kommt sie dann zu unsren Festen.
Wir erkennen sie nur nicht.

Bei Trompeten und Gitarren
drehn wir uns im Labyrinth
und sind aufgeputzte Narren
um zu scheinen, was wir sind.

Unsre Orden sind Attrappe.
Bunter Schnee ist aus Papier.
Unsre Nasen sind aus Pappe.
Und aus welchem Stoff sind wir?

Bleich, als sähe er Gespenster,
mustert uns Prinz Karneval.
Aschermittwoch starrt durchs Fenster.
Und die Zeit verläßt den Saal.

Pünktlich legt sie in die Truhe
das Vorüber und Vorbei.
Pünktlich holt sie aus der Truhe
Sorgenkleid und Einerlei.

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht,
bleibt uns doch nur eins: die Zeit.

Sonntag, Januar 01, 2017

Erich Kästner: Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren.
Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
Traulich durch die Zeiten,
Schwere Stürme, milde Weste,
Bange Sorgen, frohe Feste
Wandeln sich zur Seiten.

Und wo manche Thräne fällt,
Blüht auch [eine] Rose,
Schon gemischt, noch eh' wir's bitten,
Ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Loose.

War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken geh'n und kommen wieder,
Und kein Wunsch wird's wenden.

Gebe denn, der über uns
Wägt mit rechter Waage,
Jedem Sinn für seine Freuden,
Jedem Mut für seine Leiden,
In die neuen Tage.

Jedem auf des Lebens Pfad
Einen Freund zur Seite,
Ein zufriedenes Gemüthe,
Und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung in's Geleite.

Johann Peter Hebel - Neujahrslied

Freitag, Dezember 30, 2016

Who wants to be excited?


Montag, Dezember 26, 2016

Ganz

28. August, 2016

Liebe Mama, 


neulich hast Du mir von Elmar geschrieben. Dass Du an ihn gedacht und Dir Fotos von seiner Beisetzung angeschaut hattest, dass Du traurig warst. Und dass Du Dich an die vielen schönen Momente mit ihm gedacht hast. Wie herzlich und ausgelassen er bei der Lektüre von Comic-Heften lachen konnte. 

Ich finde es sehr schön, dass Du mir schreibst, was Dich beschäftigt, insbesondere zu Elmar. Ich habe mich auch sehr über das Foto von seinem Grab mit seinen Grüßen gefreut! Ich finde es sehr schön, dass das kein Tabu ist ("Buhuu, Friedhof!" ); dass Du es nicht "verheimlichst" oder übergehst, wenn Du an seinem Grab warst, oder wenn ich mal von ihm träume. Ich finde es sehr schön, dass wir darüber sprechen, dass es in unserem Leben sein kann. Es gehört ja dazu. Es ist ja da.

Ich denke es ist so, dass Menschen mit allem, was sie ausmacht, einander verbunden sind. Manche spüren da mehr, als andere. Andere geben da mehr als andere, die "nur" ihre Pommes essen, ins Auto steigen, sich am Kopf kratzen oder in der Schlange im Supermarkt stehen und die beschriftung der Schnäpse im Regal an der Kasse lesen. 

Natürlich werden wir dazu erzogen und lernen, im Umgang miteinander uns so zu verhalten, dass "es gut läuft", dass es keine Störungen gibt: im Alltag, im Supermarkt, auf der Arbeit. Je näher man indes einander ist, desto mehr man sich einander zeigt, desto "voller" wird das Bild. 

Weil man sich nicht 24 Stunden "verstellen" und filtern kann, was an die Oberfläche kommt. 

Dann zeigt man einander nicht nur die Schokoladenseite. Da bekommt man auch voneinander mit, wenn der andere mal: traurig ist, oder verärgert, genervt oder ängstlich. 

Und das bewirkt Nähe und Verbundenheit. Und das Gefühl einander gut zu kennen, vertraut zu sein. 

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich auch mit "schwierigen Gefühlen" zeigen kann, mit meinem Ärger, meiner Angst, meiner Traurigkeit oder sogar meiner Wut - und auch damit akzeptiert werde, bewirkt das bei mir ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Zuneigung. 

Und so hast Du Elmar von Anfang bis zum Ende begleitet. Durch schöne und auch sehr, sehr schwere Zeiten und bist immer bei ihm gewesen und das finde ich sehr groß. Und mich begleitest Du auch durch alles. Von Anfang an. Durch alle Veränderungen, meine Ängste - das ist für mich auch sehr, sehr groß. 

Ich finde es sehr schön und richtig, dass Elmar auch in seinem Sterben und Tod "da" sein kann; dass wir nicht weggucken, dass wir alles, was damit zu tun hat, nicht verdrängen, sondern über ihn sprechen. Wie oft Du zu seinem Grab gehst, dass ich über ihn spreche, dass Du mir ein Foto von seinem Grab schickst - das finde ich alles sehr schön. Dass wir mit unserer Traurigkeit und der Sprachlosigkeit über sein Fehlen dasein können. 

Ich bin dann oft traurig, aber nicht weil ich mir ein Foto von seinem Grab anschaue. Die Traurigkeit ist immer da, weil ich mit Elmar verbunden bin und er für mich Bedeutung hat - und eben auch behält. 

Und da ist es schön, dass diese Traurigkeit da sein kann, dass sie einen Ort (in einem Gespräch, einer Mail, einem Foto, einer Geste wie dem Anzünden einer Kerze für Elmar) hat und Teil von allem sein darf. So ist das richtig. Finde ich.

Ich freue mich, wenn Du morgen wieder zu Besuch kommst und drücke Dich sehr.