Montag, Juli 31, 2006

Willy Loman with a Vengeance: The Assassination of Richard Nixon

Zuletzt zwei ungewöhnliche Filme gesehen: BEE SEASON mit Juliette Binoche und Richard Gere und THE ASSASSINATION OF RICHARD NIXON. Darin stellt der unvergleichliche Sean Penn den Büromöbelverkäufer Sam Bicke dar, der, nachdem er daran scheitert, mit seinen braven limitierten Mitteln sich ein Leben aufzubauen (Die Frau lässt sich von ihm scheiden, der Kredit für seine Firmenidee wird ihm verweigert) immer tiefer in Verzweiflung hineinrutscht und sich schließlich ein "Projekt" vornimmt: Die Ermordung von Richard Nixon. Seine Gedanken und Begründungen zeichnet er auf Tonband auf, die er an Leonhard Bernstein schickt.

Sam Bicke erscheint wie ein Widergänger des geistig behinderten Sam Dawson, den Sean Penn in I AM SAM (2001 mit Michelle Pfeiffer) darstellte. Sam Dawson scheitert an der Welt, weil er sie nicht versteht, weil er nicht in sie hineinpasst. Weil Sam Dawson aber behindert ist, versucht er, die Welt sich anzupassen und die meisten Menschen in dieser Welt, helfen ihm dabei.
Sam Bicke findet ebenfalls keinen Zugang zu dieser Welt und ist in gewisser Weise ähnlich wie Sam Dawson behindert. Er hat gelernt, dass man aufrichtig und ehrlich sein muss, höflich und redlich und muss feststellen, dass dies nicht reicht. Der unehrliche Geschäftsmann macht den besten Profit, guten Willens und bemüht zu sein, rettet seine Familie nicht. In ihm festigt sich zunehmend das Selbstbild des unterdrückten White Trash.

In diesem aufrichtigen Bemühen, wirkt Sam zu gleichen Teilen naiv, rührend, töricht, komisch wie behindert. Als er mit Krawatte und besten Manieren um einen Kredit für seine Geschäftsidee -ein mobiler Reifenservice in einem ehemaligen Schulbus- wirbt, legt er dem Beamten zur Illustration ein sorgfältig gemaltes Bild vor, das so aussieht, als habe es ein 4jähriger mit Buntstiften gekrickelt.

Der weiße Sam Bicke betritt, nachdem er eine Dokumentation über die Black Panther gesehen hat, ein Büro der schwarzen Aktivistengruppe, um Ihnen vorzuschlagen, sich in "Zebras" umzubenennen, um dadurch die unterdrückten Weißen zu gewinnen und ihre Anhängerschaft zu verdoppeln.

Sams Ex-Ehefrau Marie (Naomi Watts) und sein farbiger Freund Bonnie (Der immer wunderbare Don Cheadle) sind Sam einen Tick voraus. Sie haben das System verstanden und sich arrangiert. Marie lässt sich in der Bar von den Gästen befummeln und Bonnie lässt sich von den Kunden beschimpfen - so ist das eben. Sams Unfähigkeit sich damit abzugeben und zu arrangieren, macht es ihm unmöglich einen Platz in dieser Ordnung zu finden.

Wie dieser amerikanische Franz Biberkopf, der so unbedingt dazu gehören will, im System funktionieren will, langsam herübergleitet in einen Zustand der Mobilmachung, in der er aufbegehrt und ein Statement des Aufbegehrens macht, ist atemberaubend anzusehen.

Wenn Sam sich eine Beinschiene kauft, um einen Revolver daran anzubringen und sich darauf vorbereitet, ein Flugzeug zu entführen, um es in das Weiße Haus zu fliegen, fühlt man sich nicht zum ersten Mal an Travis Bickle erinnert, Robert de Niros Außenseiter aus Martin Scorses TAXI DRIVER. Auch er ein aus dem System Herausgefallener, der versucht, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und mit seinen Mitteln scheitert. Der Versuch einer Beziehung mit der angehimmelten Betsy (Cybill Sheperd) scheitert, als er mit ihr ins Kino geht und sie in ein Pornokino mitnimmt und nicht verstehen kann, dass sie das unangemessen findet. Travis sucht sich schließlich eine Aufgabe und beschließt Senator Pallantine zu erschießen, entscheidet sich dann aber dafür, die jugendliche Prostituierte Iris (Jodie Foster) zu befreien. Am Ende des Blutbads überlebt Travis und wird von der Presse als Held gefeiert. Nach wie vor "Gottes einsamster Mann" fährt er weiter in seinem Taxi durch eine Welt, in der er keinen Platz findet.

Während Travis Bickle in seinem Taxi wie ein Haifisch in ruhigen Bewegungen durch dsa nächtliche New York gleitet und nie in die Stadt eintaucht, sondern immer Beobachter bleibt, versucht Sam aufrichtig, einen Eingang zu finden und ist dabei in Maßen sogar erfolgreich.

Wie Sean Penn dieses Mann (dessen Geschichte auf wirklichen Tatsachen beruht) und seine zunehmende Verzweiflung mit wenig aufdringlichen Mitteln portraitiert, ist beeindruckend. Neben der famosen Kamera von Emmanuel Lubezki (Sleepy Hollow) ist es die Originalmusik von Steven M. Stern, die die sich leise entfaltende Tragik unterstreicht.

Trailer und Informationen zum Film unter: www.assassinationrichardnixon.com