Montag, März 02, 2015
Freitag, Februar 27, 2015
"Stil braucht Lässigkeit" - Zum Tod von Fritz J. Raddatz
"Als ich zu Toni Morrison nach Princeton fuhr, hatte ich ziemliches Muffensausen: Würde sich die schwarze Diva des amerikanischen Literaturwesens einem Weißen aus Deutschland öffnen? Kriege ich die Auster auf? Ich brachte ihr einen Riesenstrauß weiße Gardenien mit, die Blume von Billie Holiday. Und siehe da, it worked beautifully. Das Interview ging um die Welt. Als Belohnung für meine Angst habe ich mir in New York eine Tiffany-Lampe gekauft, die ich mir nicht leisten konnte. Wenn ich sie heute anschaue, sehe ich Toni Morrison und nicht Tiffany. So lebe ich mit den Dingen, und deswegen helfen sie mir gegen Bedrückungen und die Schatten, die sich um mich rumwickeln.
Das ist nicht zu verstehen für Menschen, die den Pizza-Boten anrufen und sich eine Coca-Büchse auf den Tisch knallen. Ich lasse mir ein anständiges Essen bereiten und zwischen den Gängen das Besteck wechseln. Die Frühstückskonfitüre esse ich aus in Paris ersteigerten Tharaud-Keramiken und die Butter aus silbernen Renaissance-Dosen. Alles etwas manieriert, wenn Sie so wollen. Andere nehmen vielleicht Heroin." Fritz J. Raddatz im Gespräch mit dem SZ-MagazinFritz J. Raddatz ist tot. Und nun flattern sie rein, die Nachrufe, Einordnungen, Ehrungen und vielleicht auch Schmähungen über das "ungeratene Ostzonenarschloch" (Harry Rowohlt). Obwohl gerade mit Raddatz einer abgetreten ist, der die unbegründete und umso saftigere Schmähung zur Stilform entwickelt hatte: Dürrenmatt? "Wie wir alle wissen" ein wenig dumm. Helmut Schmidt? Ein an "Geschwätz-Diarrhoe leidender Ersatz-Hindenburg. Sloterdijk? Soll sich die Haare schneiden! Karasek? Kein Kollege, sondern Heizdeckenverkäufer. Wohl nur Raddatz hätte einen Nachruf auf Raddatz schreiben können, der Würdigung und Tritt gegen das Schienenbein vereint.
Bereits seit gestern ist ein langes Interview mit dem SZ-Magazin von April 2014 online verfügbar. Es begeistert wegen der üblichen Gemeinheiten, sprachlichen Kapriolen und dem Gesamtgestus des sich selbst souverän Abseitsstellenden. Die Offenheit, mit der Raddatz im Gespräch über die erlittenen Misshandlungen während seiner Kindheit Auskunft gibt, schockiert.
Und es berührt in dem sehr gut geführten und geschriebenen Gespräch wie unter der über die Jahre offensichtlich von Raddatz detailliert ausgearbeiteten und vom Kulturbetrieb erwartete "Figur" (So wie von Helmut Berger immer erwartet wird, den torkelnden Trunkenbold zu geben) doch so etwas durchschimmert wie (Fahigkeit zu und Bedürfnis nach) Zärtlichkeit.
So meint man eine gewisse Geringschätzung für seinen Lebenspartner Gerd wahrzunehmen, der sich aus der Kulturtätigkeit seines Lebenspartner herauszuhalten und eher für die lebenspraktischen Dinge zuständig zu sein schien: Zur Apotheke gehen. Zum Staubtuchgeschäft (!!) gehen. Den Tee oder die Wärmflasche machen. Dann die letzte Frage des Gesprächs:
Angenommen, Sie dürfen auf Ihrem Sterbebett noch ein einziges Mal telefonieren: Wen rufen Sie an?
Gerd natürlich.
Weiterhin zum Lesen:
- "Stil braucht Lässigkeit". Ein Gespräch mit der FAZ
- "Es gab zu viele Verwundungen" Fritz J. Raddatz im Interview Sven Michaelsen vom SZ-Magazin
- "Ein Schmetterling" Martin Reichert in der taz
- "Das Träumen nicht lassen" der Winkler Willi in der SZ
- "Ein Genie und Provokateur" Theo Sommer in DIE ZEIT
- "Der Zauberer ist tot" Tilmann Krause in DIE WELT
- "Der bessere Andere" Volker Weidemann in der FAZ
- "Er war das Feuilleton" Sebastian Hammelehle bei SPON
- "Ein Ich, das nie genug bekam" Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau
- "Ich war eine sehr schnelle Ratte" Fritz J. Raddatz im Gespräch mit Arno Widmann
Samstag, Februar 14, 2015
Donnerstag, Februar 05, 2015
Dienstag, Februar 03, 2015
Disktinktion
"Die Gin-Auskenner sind ein typisches Symptom unserer Zeit, weil sie
zeigen, dass guter Geschmack das letztgültige Statussymbol ist. (...) Das Gin-Trinken ist zur Wissenschaft geworden. Wobei ich da vielleicht
Wissenschaftlern Unrecht tue. Die prahlen seltener mit ihrem Wissen." schreibt Jan Stremmel im JETZT Magazin der SZ.
"Die Gin-Auskenner sind eigentlich ganz normale Menschen. Ich weiß das, weil viele meiner Freunde seit kurzem Gin-Auskenner sind. Sie studieren Medizin oder arbeiten als Junior-Architekten, da sind sie noch ganz verschieden. Aber in ihren Wohnzimmern steht, oft auf einer hüfthohen Holzanrichte, der immer gleiche kleine Wald aus Flaschen. Ein Wald aus Gin. In den greifen die Auskenner abends rein, wenn Freunde da sind. Nach ein paar Sekunden, die aussehen wie eine reifliche Überlegung, ziehen sie eine Flasche heraus. Und dann erzählen sie.Mit der Gurke fing es an. Heute legt man Fruchtzesten-Teebeutel in den Gin Tonic.Von London Gin, Dry Gin, Old Tom Gin, Sloe Gin und Genever. Und zwar so, als seien das keine farblosen Spirituosen, sondern indogermanische Stämme, die sie seit langem studieren."Siehe dazu auch den Beitrag über "Die Besserbürger" im ZEIT-Magazin. (Ist das eigentlich Meta-Auskennerei, sich in Auskenner-Artikeln auszukennen?)
Al(l)a(h)af
Gerade noch rechtzeitig: Die Karnevalshits der aktuellen Session von den Jecken der TITANIC:
Meine Oma malt im Hühnerstall Mohammed
Charlie, Charlie Lady
Mer lasse d'r Dom en Kölle explodiere
Davon geht das Abendland nicht unter
1000 und 1 gemalt (Boom!)
Hier fliegen gleich die Löcher aus den Jecken
Klingelingeling, hier kommt der Auamann
Don't go west
Lebt denn dr alte Holzschnitt-Karikaturist noch..?
Kopflos durch die Nacht
Fatwa Morgana
Samstag, Januar 24, 2015
Montag, Januar 19, 2015
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