Dienstag, Oktober 24, 2006

Destrukturierung de Luxe

Die Süddeutsche Zeitung berichtet heute auf Seite 3 über das Gesicht der Armut in Deutschland. Im Stadtteil Silberhöhe in Halle an der Saale sind ein Drittel der 15.000 Bewohner langzeitarbeitslos. Fast die Hälfte der Bewohner leben von irgendeiner Form öffentlicher Unterstützung. Als besonders schlimm erleben die Betroffenen die totale Destrukturierung ihres Lebens. Es gibt keine Aufgabe, die auf sie wartet, keinen Anlass, morgens aufzustehen, aus dem Haus zu gehen. Die soziale und kommunikative Verarmung und Verödung als Dauerzustand drückt die Menschen nieder.

In diesen Zusammenhang passt der neueste Beitrag zur Unterschichten-Debatte von der BILD-Zeitung:

Samstag, Oktober 14, 2006

Lukas Podolski und Getrude Stein

Interviews mit Lukas Podolski sind kleine Haikus von schlichter Getrude-Stein-esker Schönheit.

Journalisten müssen schreiben, bewerten, analyiseren, interpretieren. Das ist in einem Bereich wie dem Sport, in dem es um Fakten, Zahlen und Daten geht einerseits schwierig, andererseits blüht gerade in der journalistischen Bearbeitung dieses Feldes eine Hermeneutik der Sonderklasse. Selbst bei der Formel-1 werden mit den Fahrern Interviews von geradezu psychoanalytischer Motivation geführt, bei denen Ergebnisse, die sich v.a. dem Zusammenspiel von einer Vielzahl objektiver Faktoren verdanken, auf den menschlichen Faktor hin interpretiert werden.

So auch beim Fußball.

Seit Lukas Podolski beim FC Bayern spielt, bzw. dort hin und wieder auch auf der Bank sitzt, schreiben die Medien den jungen Stürmer eine Krise zu und befragen ihn auch alle Nase lang in diese Richtung. Podolski, bekannt für seine Knappheit, verweigert sich den Einladungen zu psychologisierenden Ausführungen beharrlich.

Eine Einladung, die andere, wie Michael Ballack nicht ausschlagen und schwurbeligste Ansagen zum besten geben. Podolski solle sich selbstkritisch hinterfragen, ließ Ballack zuletzt wissen. Aha. Podolski versteht sich als Fußballer. Er geht auf den Platz und gibt dort "Vollgas", wie er einmal erläuterte.

Das Spiel ist das Spiel ist das Spiel.
C'est tout.

Frage: Herr Podolski, sind die zwei Tore von Ihnen auch eine Antwort auf die Kritiker der letzten Wochen? Antwort: Nö, das sind nur zwei Tore."

Großartig!

Die Süddeutsche Zeitung schreibt nach dem 4:1 gegen die Slowakei:

,,Für die Reporter ist Lukas Podolski ein begehrter, aber etwas heikler Ansprechpartner. Seine Antworten kommen abrupt, geschwind und prägnant wie Flummibälle, die von der Wand zurückspringen. Es ist eine entwaffnende Technik zur Abwehr von doofen Fragen, und auch nach seinem großen Auftritt in Bratislava machte der Angreifer wieder reichlich Gebrauch davon.

Herr Podolski‘‘, fragte zum Beispiel einer, ,,Sie haben eine blutige Lippe. Was ist da passiert?‘‘ Podolski: ,,Gegenspieler.‘‘
,,Haben Sie das im Spiel gemerkt?‘‘
Podolski: ,,Ja.‘
,,Hat es weh getan?‘‘
Podolski: ,,War mir egal.‘‘

Danke für das Gespräch."

Sonntag, August 27, 2006

Mail von Bill

Wie Millionen andere hatte ich Bill Clinton zum 60. Geburtstag eine Online-Geburtstagskarte geschickt und fand gestern eine E-Mail von Bill Clinton in meiner Inbox. Auch wenn es automatisiert ist - ich fand es - call me cheesy - très nett:

Dear Ralf,

I was thrilled to receive your online card on my birthday. I'm truly grateful for your kind words. As I get older, I spend more and more time thinking about the future we're building for our children. My Foundation is working hard to make change in the world and improve the lives of millions of people, and you can be part of this critical endeavor.
The next year will bring many exciting developments from the Clinton Foundation, and I hope you will join our continuing efforts in the fight against HIV/AIDS, global warming, childhood obesity, and many other critical issues. With your support, and working together, we can and will do a world of good.

Thank you again for your good wishes.

Sincerely,
Bill Clinton

Montag, August 21, 2006

Computerspiele und Gewalt

Periodisch flackert die Debatte um den Wert oder Schaden von Computerspielen im Allgemeinen und gewalthaltigen Computerspielen im Besonderen auf. Dabei werden selten neue Argumente ins Feld geführt aber immer wieder aufs neue ein im Ton und Stil geradezu erbitterter Kulturkampf versucht anzuzetteln. Nun hat der populäre, i.S.v. alle Nase lang in den Medien herumgereichte, Psychologe Manfred Spitzer in der PM ge-glogauert. RETICON widmet dem Artikel eine eingehende Exegese.

Sonntag, August 20, 2006

Stürmchen im Wassergläschen

Da haben Politiker mal wieder ein Leib und Magenthema gefunden, wie von der BILD Zeitung erfunden. In seiner schnoddrigen Art sagt Finanzminister Steinbrück in einem Interview der Hörzu, dass die Bundesbürger, wenn sie klamm seien, auf einen Urlaub verzichten sollten und erklärt damit nur, das, was Ludwig Erhard und eigentlich jedes Kind weiß: Man kann nur das ausgeben, was man hat. Aber es ist typisch deutsch, ständig die Reden vom enger zu schnallenden Gürtel zu hören aber zu meinen, dass dies nicht sie selbst betreffe und sich in ihrem persönlichen Leben nciht bemerkbar mache.
Da ist eine solche klara Ansage natürlich ein Aufreger erster Güte. "Die feinen Herren", "die da oben" nehmen dem "kleinen Mann" immer mehr aus den Taschen und erdreisten sich auch noch solche Sprüche hinterherzuschicken.
Gut beobachtet hat die Taz das Phänomen, dass für den Deutschen die Arbeitsethik mit Qual verbunden ist und also der Urlaub, die Vorstellung der Flucht vor der Arbeit zur Projektionsfläche wird:

"Es ist ein populäres Missverständnis, anzunehmen, dass der Arbeit in der protestantischen Ethik eine positive Rolle zukomme. Das Gegenteil ist der Fall. Arbeit gilt nur deshalb als verdienstvoll, weil sie mit Schweiß und Tränen verbunden ist, Mühe kostet und schlechte Laune bereitet. Wer in seinem Beruf aufgeht, wird als "Selbstverwirklicher" verspottet, wer über seine Arbeit nicht ständig klagt, ist mit der harten Wirklichkeit offenbar nicht recht vertraut. Verstärkt wurde diese Tendenz in Deutschland durch den Krieg: Eine ganze Generation, deren Lebensplanung fremdbestimmt war, gönnte auch den Kindern nicht die Wahl.

Weil Spaß im Alltag nicht erlaubt war, saßen also Millionen von Deutschen jahrein, jahraus im Wohnzimmer und wälzten Urlaubskataloge oder Reiseführer für die eine große Flucht im Jahr. Ein Phänomen, das die Grenzen der sozialen Schichten sprengt. Ob einer nun Ballermann bucht, den DuMont-Kunstführer bemüht oder die Reiseroute entlang der Michelin-Restaurants plant - die Sehnsucht bleibt immer die gleiche." (Unlust im Alltag, Taz vom 19. August)

Samstag, August 19, 2006

Happy Birthday, Mr. President

Heute wird Präsident William Jefferson "Bill" Clinton 60 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Seine Autobiographie "Mein Leben" ist ein ziemlicher Ziegelstein. Mancher Rezensent beklagte, dass in der unglaublichen Detailfülle die erzählerische Stringenz verloren ginge. In der Tat handelt es sich nicht um Bellitristik.
Clinton beschreibt geradzu mikroskopisch seinen Weg vom Jura-Studenten zum mächtigsten Mann der Welt. Wen aber interessiert, wie amerikanische Politik, amerikanischer Wahlkampf, das Parteiensystem funktioniert, wird hier aus erster Hand bedient. Das mag für Leser, die sich v.a. für Oral-Sex interessieren unerträglich langweilig sein.

Auch die Masse an Namen von Wegbegleitern - seien sie auch noch so marginal - mag die Ausdauer strapazieren. Aber es ergibt sich ein nahtloses Bild, wie Clinton an die Spitze gekommen ist. Die Beschreibungen der Auseinandersetzungen mit Kenneth Starr sind atemberaubend. Man kann sich des ohnehin durch die Berichte um die Verstrickungen der Bush-Administration (Stichwort Cheney/Halliburton) vorhandenen Eindrucks, es mit Eiferern zu tun zu haben, nicht erwehren, das hier regelrechte kriminelle Energien, pathologischer Hass auf liberale Ideen, oder - um es mal pathetisch zu sagen - die Mächte des Bösen am Werke sind.

Anyhoo - Bill Clinton "Mein Leben" ist ebenso spannend wie empfehlenswert.

Wer auf den Geschmack kommen will, dem sei Mike Nichols hervorragender Film PRIMARY COLOURS empfohlen. basierend auf dem gleichnamigen Roman des Clinton Wahlkampfhelfers Joe Klein beschreibt Primary Colours den Wahlkampf Clintons bei den Vorwahlen um die Kandidatur der Demokraten für den Presidentschaftswahlkampf 1993. John Travolta und v.a. Emma Thompson spielen kolossal.

Das Recht man selbst zu sein

"Nicht nur, weil man selbst nicht von irgendwem als irgendwas integriert werden möchte, gilt es in diesen Tagen, da Arbeitslose zu Tätigkeiten weit unter ihrer Qualifikation gezwungen werden und feiste Männer unwidersprochen gebärunwillige Frauen im Namen des Volkswohls zum Kinderkriegen auffordern, an den kulturellen Wert von Individualismus und Desintegration zu erinnern. Denn die von der Mehrheit definierte und gewünschte Norm ist nicht per se erstrebenswert. Von ihr geht nämlich seit jeher ein immenser Druck aus, Außergewöhnliches zu stutzen, um es ins herrschende Mittelmaß einzupassen." schreibt Christian Kortmann heute in der TAZ. Wie wahr!

Freitag, August 18, 2006

Verdacht des Nichtstuns

Heute ein guter Artikel in der NZZ, in dem es um die Invasion des Privaten, der Freizeit und des zweckentbundenen Spiels durch die Logik der Wirtschaft, des Profits, der Arbeit geht. Dabei gibt es einen intelligent formulierte Beobachtung über die Wertsteigerung der Arbeit, genauer gesagt, des Arbeitsplatzes, der aufgrund seiner Knappheit immer mehr an Wert zunimmt:
"In den vergangenen Jahren hat sich die Bewertung von Arbeit unmerklich verändert. Sie gilt nicht mehr als lästiges Übel, als «Notdurft der Materie», sondern als ein Privileg, denn die anhaltende Arbeitslosigkeit hat die Lohnarbeit zu einem knappen Gut werden lassen. Die Arbeit ist ein Imagefaktor, sie ist chic geworden. Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, holt auch jene ein, die an ihrem Arbeitsplatz gar nicht so unentbehrlich sind. Weil Arbeit attraktiv ist, gibt es so wenig Widerstand gegen die Erosion des Privaten. Im Gegenteil: Nichtstun ist auch dann suspekt, wenn es nichts zu tun gibt."

Der ganze Artikel Schlachtopfer des Fleißes in der Online-Ausgabe der NZZ

Sonntag, August 13, 2006

Jede Wahrheit braucht einen Mutigen...

Eigentlich muss man dazu nichts sagen, denn die durchsichtige Kampagne kommentiert sich in ihrer unverfrorenen Anmaßung und Geschmacklosigkeit selbst. Aber weil Schweigen den Megaphonen das Feld ohne Gegenwehr zu überlassen bedeuten würde, sei es doch gesagt: Die aktuelle Plakat-Kampagne der BILD-Zeitung ist von solch unverschämter Anmaßung, dass einem die Spucke wegbleit. "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht" schlagzeilt einem "Europas größte und übelste Sexualklatschkloake" (Gerhard Henschel) entgegen und es ist klar, das BILD hier von sich selbst redet - BILD das unbequeme Blatt, Sprachrohr der entrechteten Massen, das es "denen da oben", den "feinen Herren Politikern" so richtig zeigt; und dabei wähnt sich BILD auf demselben Niveau wie andere "Mutige", die denn auch die Plakate zieren: Mahatma Ghandi, Siegmund Freud, Martin Luther King. Es ist schon von kollossaler Geschmacklosigkeit, dass BILD, das in seiner Online-Ausgabe immer nur einen Mausklick von der Pornographie entfernt ist, v.a. aus den Unterhosen der F-Prominenz berichtet, sich auf einer Ebene mit Menschen sieht, die für mehr Frieden ihr Leben gaben.

Lesen Sie zu dem Thema auch Nehmt BILD beim Wort! in der Online-Ausgabe der Taz.

Samstag, August 12, 2006

Der inzestuöse Charme von openBC

Die FAZ widmet sich in einem launig geschriebenem Artikel dem "Web 2.0" im Allgemeinem und -als einem Beispiel für das Mitmach-Web- dem openBC, einem virtuellen Netzwerk, in dem jedermann sich mit seinem beruflichem Profil und -viel wichtiger- mit seinen Kontakten eintragen kann, im Besonderen.

Dabei lässt sich an openBC v.a. eins ablesen: wer 2.0 webben will, braucht v.a. Zeit. Naturgemäß ist dies eine knappe Ressource, die um so dünner ausfällt je höher man die "Entscheider"-Pyramide hinaufgeht. Wer wirklich wichtig, aktiv und erfolgreich ist, hat es nicht nötig, sich in einem solchen Netzwerk der breiten Masse auszusetzen. Wer will schließlich von Akteuren, die unterhalb des eigenen Marktwertes agieren, kontaktet werden?

"Tatsächlich lebt openBC wie ähnliche Plattformen von jenem Effekt, den Boris Becker in einer legendären Werbung aus der Internet-Steinzeit auf eine Formel gebracht hat: „Ich bin drin!“ Allerdings geht es diesmal nicht mehr ums selbstvergessene Surfen durch die vermeintlich unendlichen Weiten des Netzes, sondern um Repräsentation. Es verwundert fast ein wenig, daß im openBC neben einem möglichst schicken Foto und Kategorien wie „Position“, „Branche“ und „Frühere Firmen“ nicht auch noch Rubriken für „Mein Spitzengehalt“, „Meine superteure Armbanduhr“ und „Mein Boot“ angeboten werden. Andererseits würden vielleicht gerade diese Felder oft leer bleiben - denn trotz aller Euphorie deckt sich die Zielgruppe des Web 2.0 immer noch ungefähr mit jener Generation, die nach dem Scheitern von Web 1.0 um 2001 herum auf der rauhen Seite des Lebens landete.

So ist jedes openBC-Profil auch ein Beispiel für die Kunst der Selbstvermarktung, zu welcher die Kinder des Internetzeitalters gezwungen sind. Unter den 1,3 Millionen Mitgliedern tummeln sich kaum Topmanager, Vorstandschefs oder Medienmoguln, die mit lukrativen Verträgen winken - dafür aber um so mehr Freiberufler, Selbständige und Kreative, die ebensolche Verträge suchen. Daß sich diese Klientel dann mit ihren naturgemäß ein wenig angeberischen Kontaktseiten fast nur untereinander beeindrucken kann, macht die Ironie eines solchen Netzwerks aus - und andererseits auch seinen inzestuösen Charme. Denn letztlich ist auch openBC in erster Linie ein Spielzeug, gleichsam das Myspace für die Um-die-Dreißigjährigen.

Neben der sozialen Überwachung - Was für Freunde haben eigentlich meine Freunde? - ermöglicht die Plattform nämlich auch, mit einem Klick festzustellen, über welche Mittelsleute man mit einem beliebigen Mitglied in Verbindung steht. Damit wird der Gedanke der Vernetzung, in der frühen Phase des Internets nur eine Metapher, plötzlich sehr anschaulich. Auch wenn man sowieso weiß, daß man jeden Menschen auf dem Globus über sechs Ecken kennt."

Lesen Sie den ganzen Artikel Das Internet ist bewohnbar geworden in der Online-Ausgabe der FAZ