In diesen Zusammenhang passt der neueste Beitrag zur Unterschichten-Debatte von der BILD-Zeitung:
Interviews mit Lukas Podolski sind kleine Haikus von schlichter Getrude-Stein-esker Schönheit.
Journalisten müssen schreiben, bewerten, analyiseren, interpretieren. Das ist in einem Bereich wie dem Sport, in dem es um Fakten, Zahlen und Daten geht einerseits schwierig, andererseits blüht gerade in der journalistischen Bearbeitung dieses Feldes eine Hermeneutik der Sonderklasse. Selbst bei der Formel-1 werden mit den Fahrern Interviews von geradezu psychoanalytischer Motivation geführt, bei denen Ergebnisse, die sich v.a. dem Zusammenspiel von einer Vielzahl objektiver Faktoren verdanken, auf den menschlichen Faktor hin interpretiert werden.
So auch beim Fußball.
Seit Lukas Podolski beim FC Bayern spielt, bzw. dort hin und wieder auch auf der Bank sitzt, schreiben die Medien den jungen Stürmer eine Krise zu und befragen ihn auch alle Nase lang in diese Richtung. Podolski, bekannt für seine Knappheit, verweigert sich den Einladungen zu psychologisierenden Ausführungen beharrlich.
Eine Einladung, die andere, wie Michael Ballack nicht ausschlagen und schwurbeligste Ansagen zum besten geben. Podolski solle sich selbstkritisch hinterfragen, ließ Ballack zuletzt wissen. Aha. Podolski versteht sich als Fußballer. Er geht auf den Platz und gibt dort "Vollgas", wie er einmal erläuterte.
Weil Spaß im Alltag nicht erlaubt war, saßen also Millionen von Deutschen jahrein, jahraus im Wohnzimmer und wälzten Urlaubskataloge oder Reiseführer für die eine große Flucht im Jahr. Ein Phänomen, das die Grenzen der sozialen Schichten sprengt. Ob einer nun Ballermann bucht, den DuMont-Kunstführer bemüht oder die Reiseroute entlang der Michelin-Restaurants plant - die Sehnsucht bleibt immer die gleiche." (Unlust im Alltag, Taz vom 19. August)
Die FAZ widmet sich in einem launig geschriebenem Artikel dem "Web 2.0" im Allgemeinem und -als einem Beispiel für das Mitmach-Web- dem openBC, einem virtuellen Netzwerk, in dem jedermann sich mit seinem beruflichem Profil und -viel wichtiger- mit seinen Kontakten eintragen kann, im Besonderen.
Dabei lässt sich an openBC v.a. eins ablesen: wer 2.0 webben will, braucht v.a. Zeit. Naturgemäß ist dies eine knappe Ressource, die um so dünner ausfällt je höher man die "Entscheider"-Pyramide hinaufgeht. Wer wirklich wichtig, aktiv und erfolgreich ist, hat es nicht nötig, sich in einem solchen Netzwerk der breiten Masse auszusetzen. Wer will schließlich von Akteuren, die unterhalb des eigenen Marktwertes agieren, kontaktet werden?
"Tatsächlich lebt openBC wie ähnliche Plattformen von jenem Effekt, den Boris Becker in einer legendären Werbung aus der Internet-Steinzeit auf eine Formel gebracht hat: „Ich bin drin!“ Allerdings geht es diesmal nicht mehr ums selbstvergessene Surfen durch die vermeintlich unendlichen Weiten des Netzes, sondern um Repräsentation. Es verwundert fast ein wenig, daß im openBC neben einem möglichst schicken Foto und Kategorien wie „Position“, „Branche“ und „Frühere Firmen“ nicht auch noch Rubriken für „Mein Spitzengehalt“, „Meine superteure Armbanduhr“ und „Mein Boot“ angeboten werden. Andererseits würden vielleicht gerade diese Felder oft leer bleiben - denn trotz aller Euphorie deckt sich die Zielgruppe des Web 2.0 immer noch ungefähr mit jener Generation, die nach dem Scheitern von Web 1.0 um 2001 herum auf der rauhen Seite des Lebens landete.
So ist jedes openBC-Profil auch ein Beispiel für die Kunst der Selbstvermarktung, zu welcher die Kinder des Internetzeitalters gezwungen sind. Unter den 1,3 Millionen Mitgliedern tummeln sich kaum Topmanager, Vorstandschefs oder Medienmoguln, die mit lukrativen Verträgen winken - dafür aber um so mehr Freiberufler, Selbständige und Kreative, die ebensolche Verträge suchen. Daß sich diese Klientel dann mit ihren naturgemäß ein wenig angeberischen Kontaktseiten fast nur untereinander beeindrucken kann, macht die Ironie eines solchen Netzwerks aus - und andererseits auch seinen inzestuösen Charme. Denn letztlich ist auch openBC in erster Linie ein Spielzeug, gleichsam das Myspace für die Um-die-Dreißigjährigen.
Neben der sozialen Überwachung - Was für Freunde haben eigentlich meine Freunde? - ermöglicht die Plattform nämlich auch, mit einem Klick festzustellen, über welche Mittelsleute man mit einem beliebigen Mitglied in Verbindung steht. Damit wird der Gedanke der Vernetzung, in der frühen Phase des Internets nur eine Metapher, plötzlich sehr anschaulich. Auch wenn man sowieso weiß, daß man jeden Menschen auf dem Globus über sechs Ecken kennt."
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