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Samstag, Mai 12, 2007

Desinformation

Wenn man beim SATURN einkauft, wird man häufig an der Kasse nach dem Postleitzahlenraum gefragt, in dem man wohne. Dieser würde im Rahmen einer "Kundenbefragung" erhoben. Logisch. Kundenbefragung. Merk ich ja. Ich werde ja gefragt.

Ich beantworte diese Frage immer gerne und zügig mit einer Postleitzahl, die selbstverständlich weder mit meinem Wohnsitz, noch mit dem Standort des SATURN-Marktes, bei dem ich gerade kaufe, etwas zu tun hat.

Das Phänomen der 21 Jahrhunderts ist die immer weiter voransschreitende Verfeinerung von Methoden zur Erfassung von Daten über Konsum- und Mediennutzung und deren Verknüpfung zu Mustern zum Zwecke der Erstellung immer detaillierterer, präziserer Kundenprofile und Konsumtypen. Dabei geht es auch um die crossmediale Analyse: Was für Musik hört ein Mensch eines bestimmten Geschlechts, Alters, Einkommens, Bildungsniveaus, Wohnregion, etc., der auch einen bestimmten Modegeschmack hat. Die berühmten Sinusmilieus haben gezeigt, wie bestimmte Konsum- und Geschmacksmuster in Korrelation mit bestimmten politischen, ethischen und moralischen Einstellungen zu bringen sind. Nicht das diese einander bedingen, aber doch häufig gemeinsam auftreten.
Solche Profile zu erstellen sind natürlich für die Industrie besonders interessant, um ihre Ware zielgerechter herzustellen, zu bewerben und zu zu verkaufen.

Also warum sich trotzig dem Ansinnen zielgerichter Produktion und Kundeninteressenlenkung entziehen oder sogar aktiv widersetzen? Finde ich es nicht toll, dass AMAZON mir erzählt, was Kunden, die dieses Produkt gekauft haben auch jenes gekauft haben? Ok, es entsteht eine gewisse uniforme Klumpen-Cluster-Normierungs-Kultur, die ohne Widerständigkeit und unverhoffte Abzweigeungen, Neuentwicklungen, Veränderungen auskommt, sondern ihre (gerade ökonomisch relevante) Stärke aus der Deklination des Immerselben in anderen Formen bezieht.

Für einen Konsumenten der diese Woche Elton John und Phil Collins hört aber Kannibalenkettensägenschockerfilme schaut und diese Muster auch noch zu verändern neigt, lässt sich nicht so schön industriell Material herstellen, wie für die Büroangestellte, die auch noch mit 50 Chris de Burgh und Lionel Richie toll findet, Hape Kerkeling superlustig, Paris Hilton für eine verwöhnte Zicke hält und andere Majoritätenmeinungen ihr "eigen" nennt.

Kann es mir nicht wurscht sein, wenn jemand diese Daten sammelt und erhebt? Ist es das hochverdünnte Anarcho-Vergnügen der Datenverweigerung und sogar absichtlichen Desinformation ein kalorienarmes Vergnügen für Zivilquerulanten, denen eine Demonstration mit zünftigen Wasserwerfereinsatz zu deftig ist und die sich beim Aufbegehren gegen das System weder schmutzig machen noch anstrengende Leibesverrenkungen unternehmen wollen?

Vielleicht hilft eine Analogie, das Ganze einzuordnen. Ein wildfremder Mensch klingelt an der Tür und sagt, im Rahmen einer Bürgerbefragung wolle er erheben, wieviel Liter Milch man in der Woche trinke. Mancher wird sagen "Das ist doch eine harmlos, triviale Information." Warum einen Affentanz darum machen, als handle es sich um das Coca-Cola-Rezept? Aber andersherum wird auch ein Schuh draus. Was geht das den mir unbekannten Menschen an? Will ich dass ich und mein Verhalten empirische erhoben, ausgewertet, typologisiert und in entsprechende industrielle Produktionskampagnen eingebuttert werden? Oder dass ich in den Genuss besonderer sicherheitspolitischer Aufmerksamkeit gerate, bloß weil ich mir bestimmte Bücher ausleihe, Filme anschaue, Zeitungen lese, Webseiten anklicke?

Wenn erst mal auf den Geschmack gekommen ist, wird man sensibel für all die Orte an denen versucht wird einen in den Verarbeitungsprozesse einzusaugen: Um ein lustiges Video kostenlos per Mail versenden zu können, muss ich erst ein Formular ausfüllen, mit Name, Wohnort und meiner Mail Adresse. Selbstverständlich gebe ich gerne an, dass ich aus der afrikanischen Republik Mbelekadele komme und Jim Jimsen heiße, E-Mail-Adresse: gehtdichnichts an@scheissegal.at

Häufig stehen luxuriös aussende Fahrzeuge in Shopping-Malls und Bahnhofsvorhallen, die zu gewinnen sind, wenn man nur eine Postkarte mit Name, Adresse in das Fahrzeug werfe. Unter in Aussichtstellung von Rabatten und harmlosem Nippes, lässt man Payback-Karten über den Scanner führen, die die Erfassung meines Kaufverhaltens ermöglicht, lasse ich wie ein analer Hamser Klebemarken in ein Sammelheft beim Supermarkt eintragen, um nach einem Warenwert von 300 EUR einen Tops im Wert von 15 EUR zu bekommen, den ih sowieso nicht brauche. Da machen sich die Strategen die niederen Geiz-ist-geil-Instinkte der Raffgier zu Nutze. Selbst halbwegs gutverdiende Menschen verwandeln sich bei der Aussicht ein paar Cent sparen zu können in unzurechnungsfähige Pawlofsche Automaten, denen der Rabatt-Speichel einschießt. So bekam ich vor Jahr und Tag eine dieser SPAM-Mails weitergeleitet, die gemäß dem Kettenbrief-Prinzip aufforderte diese Mail an möglichst viele Bekannte weiterzuleiten. Microsoft wolle die Leistungsfähigkeit des Internet testen und würde jeden für jede weitergeleitete Mail mit einem Cent Betrag belohnen, der sich schnell zu einem mehrstelligen Tausenderbetrag summieren würde. Diese offensichtliche SPAM bekam ich von einem Universitäts-Dozenten zugeschickt, einem Menschen, dem man nicht nur eine gewisse Intelligenz sondern auch ein halbwegs okayes Einkommen unterstellen darf, so dass er auf nebenbei zu verdienendes Geld nicht zwingend angewiesen sein dürfte. Aber dennoch schickte er die Mail an zig Leute weiter.

Hier war nicht nur Arg- und Ahnungslosigkeit bezüglich des Netzes am Werk, sondern die SPAM Mail traf genau das Verhältnis von als notwendig dargestellter niedrigschwelliger Initiativanstrengung (per Knopfdruck zwischendurch geschickter Mail) und der bei ihm vorhandenen Geldgeilheit. Diese ist schnell zu mobilisieren, wenn nur das, was man für einen erstaunlichen Betrag zu tun hat nur leicht, unverbindlich, zeitunaufwändig genug ERSCHEINT. Es scheint so, dass das Preisgeben privater Daten von den Menschen nicht als verbindliches, ihnen nahestehendes und darum schützenswertes Material, das mit ihren Persönlichkeitsrechten verbunden ist, betrachtet wird.

So entsteht sukzessive ein immer engeres Netz von Erhebungsverfahren. Wie in dem bekannten GREENPEACE-Werbespot mit dem Frosch, der solange in einem langsam erwärmten Wassertopf sitzen bleibt, bis er verbrüht, weil der Temperaturanstieg gleitend ist und er aufgrund seiner Anpassung dies nicht so merkt, wie wenn er unmittelbar in heißes Wasser spränge, dulden die Menschen das Aufstellen von Kameras, das Sammeln und querschalten von Daten, wer hat wann wo Geld abgehoben, wann und wo ein Parkticket gezogen, wann und wo was eingekauft, welche Bücher, was für Musik, undundund. Bis dann gleich online der Computer durchsucht und Menschen präventiv verhaftet werden sollen, weil sie beim G8-Gipfel gegen die Politik der Industriestaaten demonstrieren wollen. Vorbeugehaft. Vermeidungsgewahrsam. Das erinnert an einen Vater, der auf Dienstreise geht und seine Kinder vorher für all die Untaten verprügelt, die sie während seiner Abwesenheit wahrscheinlich und unvermeidlich begehen würden.

Also - wehret den Anfängen! Es macht auch regelrecht Freude, den Bazillus des Datenrebellentums zu verbreiten.

Dabei trifft man im Freundes- und Bekanntenkreises auf Menschen, die von der schieren MÖGLICHKEIT, dass man überhaupt nicht korrekte Daten angeben kann, erschüttert sind. "Erkennt das der Computer nicht, wenn das nicht stimm?" Bei Skype steht doch, man solle das Land eingeben, in dem man wohne ...

Hier wirken die in der Prä-Web-1.0 Zeit geprägten Grundtugenden der Ehrlichkeit und Lauterkeit, die von den Web-2.0-Schnöseln, Adress-, Kunden- und Kontaktdatenbank-Dealern, Handy-Shop-Anzugkleiderständern bewirtschaftet werden.

Schon allein, um der Welt der BWL-Lackln ihr klebriges Geschäft etwas schwerer zu machen, die Welt ein wenig widerständiger, weniger vorhersehbar zu machen, der Möglichkeit des Anderen, des Andersseins etwas Platz zu schaffen, sollte man die Gelegenheit zur Desinformation nutzen.

Donnerstag, Juli 31, 2008

Stasi 2.0

Alle wollen Daten! Ob Paybackkarte, Deutsche-Bahn-Bonuspunkte, Online Konzertkartenkauf oder an der Kasse bei Saturn ("Darf ich für unsere statistische Erhebung noch nach ihrer Postleiztzahl fragen?"): Ständig wird man aufgefordert seinen Namen, Adresse, E-Mail, Telefonnummer und gerne auch noch mehr Informationen anzugeben.

Ob mit diesen Daten tatsächlich etwas gemacht wird, ob man Flyer zu geschickt bekommt, ob eine Datenbank angelegt wird, die die Anzahl und Art der Kaufvorgänge erfasst, um Konsumprofile zu erstellen und zielgenaue "Informationsangebote" machen zu können, bleibt unklar. Das Motto lautet, den Kontakt zum Kunden zu nutzen, um soviel Daten wie möglich abzusaugen. Wer weiß, wofürs mal gut ist.

Ein Beispiel: Wenn man in Berlin im Pergamonmuseum die aktuelle Ausstellung "Babylon - Mythos und Wahrheit" zum Museumsvorzugspreis von 12 Euro besuchen will, kann man sich online Zeitfenster-Tickets kaufen: Die Tickets haben ihre Gültigkeit in einem Zeitfenster von 30 Minuten, innerhalb dessen man ins Museum gehen kann - so versucht man die Besuchermassen etwas zu steuern.

Will man nun ein Ticket online kaufen, klickt man sich durch die einzelnen Fenster, bis man, kurz vor dem Bezahlvorgang aufgefordert wird, sich zu registrieren und ein entsprechendes Formular auszufüllen.



Als Mensch, der seine Daten als schützenswertes Gut betrachtet, hat man nun drei Möglichkeiten:

1. ziviler informationeller Ungehorsam:
Man gibt brav Name und Adresse ein: "Wolfjank Scheuble, wohnhaft in der Alleswisserwoller Alle 0815 in 01234 Gehtdichnixan

2. Verweigerung:
Man verzichtet auf den Kauf und legt sich bei dem schönen Wetter an den See, solange man dort noch nicht von patroullierenden Ordnungsamtsmitarbeitern aufgefordert wird, sich zu registrieren und erfassen lassen, um der Stadtverwaltung eine bessere Übersicht über das Freizeitverhalten der Bürger und die Nutzung öffentlicher Grünflächen zu ermöglichen ("Allet zu Ihrem Besten, wa!").

3. Man bricht den Kaufvorgang ab und ruft an, um die Ticket-Reservierung telefonisch abzuwickeln. Doch auch hier wird man von dem routiniert in den Hörer callcenternden Personal nach Blutgruppe, Stuhlgang und Sexualverhalten befragt. Der vermutlich kritische Anrufe besänftigen sollende Hinweis aus dem Gesprächs-Script des Telefonisten (die in der Callcenter-Sprache nicht umsonst "Agenten" heißen, eine Bezeichnung, die nahelegt, dass sie Akteure einer geheimen, verbergenswerte Ziele verfolgenden Organisation sind), man habe mit der Angabe von Adresse und E-Mail keine unerwünschte Post zu befürchten, löst jedoch nur mehr Befremden aus: Wozu werden dann die Informationen abgefragt?

Muss man, wenn man im Supermarkt einkauft, auch zuvor Fragen nach dem Wohnort, Gemüsevorlieben und warum man so weit von seinem Wohnort entfernt Kondome kauft, obwohl man doch verheiratet ist und sich die Ehefrau offensichtlich nicht am selben Ort aufhält (weil die kurz zuvor in einer anderen Stadt mit ihrer Kreditkarte Kleider gekauft und einen entsprechenden Registrierungsbogen ausgefüllt hat) beantworten?

Man könnte nun sagen, dass, wer dies alles nicht wolle, es ja sein lassen könne. Aber so einfach ist es eben nicht. Es ist nicht hinnehmbar, dass man aus öffentlichen Räumen verdrängt wird, weil die Zugänge zu diesen Orten an die informationelle Entblößung gebunden ist. Es ist genau wie mit dem Rauchen: Der Raucher hat die Wahl zu rauchen oder nicht. Der Nichtraucher nicht. Wenn der Zugang zu öffentlichen Orten, die Nutzung bestimmter Dienste derartig mit der Preisgabe der informationellen Selbstbestimmung verknüpft wird, ist das eben kenie freie Wahl mehr. Allein derjenige, der die Dienste anbietet (und sei es der Staat, der den "Dienst"anbietet, das man als sein Bürger leben kann) bestimmt den Grad der Einschränkungen oder vom Nutzer zu leistenden Akte.

Erstaunlich ist, wie wenig Aufhebens um diese Entwicklungen gemacht werden. Gab es im Umfeld der Volkszählung 1987 noch erhebliche Proteste tippen die Menschen heute bereitwillig privateste Informationen über ihre Aufenthaltsorte und Vorlieben, Urlaubspläne und Gewohnheiten in Plattformen wie Facebook, stasiVZ, Blogs und Twitter. Die Foucault'sche Vision vom Gefangenen, der den Wärter überflüssig gemacht hat, weil er sich selbst kontrolliert, ist Realität geworden. Wir müssen nicht mehr ausgefragt und repressiv kontrolliert werden. Die Repression erledigen wir mit Freuden selber.

Über die Konsum- und Unterhaltungsinfrastruktur ist eine neue Informationskultur entstanden, die die Empfindlichkeit für Eingriffe und Kontrolle in unsere Freiheit abgestumpft hat und so geht kein Zucken durch den Volkskörper wenn der Staate auf die Erhebung detailliertester maschinenlesbarer Daten via Chips in Krankenversichertenkarten, biometrische Daten in Personalausweisen, Überwachungskameras an öffentlichen Orten drängt.

Bei allen Vorstößen, die den Freiheitsraum in der Art einschränken, dass man das man sich bereitwillig zum Datenlieferanten für Unternehmen macht oder im Rahmen sicherheitspolitischer Eingriffe das informationelle Hoheitsrecht über die eigene Bewegung aus der Hand gibt, werden wahlweise die Vorteile (für eine prospektiv organisierte = amazonisierte Konsuminfrastruktur) oder Unumgänglichkeit (für die "totale Sicherheit") dieser Maßnahmen in den Vordergund gerückt - und man erinnert sich an Brad Pitts Analyse in 12 MONKEYS, dass der Mensch als Produzent überflüssig geworden sei, lediglich als Konsument benötigt würde und Konsumverweigerung in einem solchem System als geisteskrank bewertet würde:

"There's the TV. It's all right there. Commercials. We are not productive anymore, they don't need us to make things anymore, it's all automated. What are we for then? We're consumers. Okay, buy a lot of stuff, you're a good citizen. But if you don't buy a lot of stuff, you know what? You're mentally ill! That's a fact! If you don't buy things...toilet paper, new cars, computerized blenders, electrically operated sexual devices...(getting hysterical) SCREWDRIVERS WITH MINIATURE BUILT-IN RADAR DEVICES, STEREO SYSTEMS WITH BRAIN IMPLANTED HEADPHONES, VOICE-ACTIVATED COMPUTERS, AND..."


Ähnlich mag mancher das vehemente Zurückweisen der Datenerhebung als überzogenes, hysterisches Ablehnen informationstechnischer Vorgänge erscheinen, die wahlweise das Leben bequemer oder sicherer machen, weswegen also eine solcher Person wahlweise als schrullig, verrückt oder gar verdächtig erscheint: Warum sollte jemand all die Segnungen der Technik ablehnen, wenn nicht weil sie verrückt ist oder einen Anlass zur Verbergung hat?

So erwächst schon allein aus der technisch möglichen Kontrolle ein Klima der Verdächtigung und betreibt eine Umkehrung der Verhältnisse: gemäß der liberalen Tradition sind die Eingriffe des Staates in das Leben der Bürger rechenschaftspflichtig und nicht die Freiheitsakte der Bürger.

Mit dem Hinweis, durch infomationstechnische Maßnahmen und die rechtliche Absicherung spekulativ konstruierter Gefährdungen findet ebenso der Foucault-Mechanimsus seine Übersetzung in den politischen Raum: Sicherheitspolitiker machen sich das Denken und die "Logik" des Terrorismus zu eigen (in der irrigen Annahme, dieses Denken unterliege einer ausrechenbaren Logik, der man mit entsprechenden Maßnahmen begegnen könne) und entwickeln auf dieser Gesetze und Maßnahmen, die auf spekulativen Szenarien bis zu abstrusester Annahmen, was alles denkbar wäre und also abgewendet werden muss, beruht.
So wird der Terrorist zum Gesetzgeber.

Liefert Politik sich diesem Prinzip aus, gibt es kein Halten mehr: Die denkbaren Möglichkeiten von Bedrohungsszenarien ist prinzipiell unendlich. Lässt man sich von dieser Logik die Prinzipien, nach denen man die Gesellschaft organisieren will, diktieren, ist dies das Ende des öffentlichen Raumes: Mit dem Verweis auf die zu schützende Freiheit, schränkt man eben diese immer mehr ein.

Abschließender Tipp: Wer ins Berliner Pergamonmuseum möchte, aber so etwas wie Wettbewerbsgleichheit herbeiführen möchte, sollte ein Gegenmanuskript vorbereiten. Bevor man unter 0180 366 3668 Fragen die eigene Person betreffend beantwortet, sollte man den Gesprächspartner nach seinem Wohnsitz, seiner Telefonnummer, seiner E-Mail-Addresse und - wenn man schon mal dabei ist - der Lieblingsfarbe, dem bevorzugten Transportmittel und sexuelle Vorlieben fragen.

Siehe auch:
Der User ist der Content ist der User ist der... bei reticon
Desinformation
Sexualverhalten ein Indiz für Terror

Mittwoch, November 12, 2008

Google Flutrends

Immer wieder wird in der Öffentlichkeit über die Macht des Internet-Suchmaschinenbetreibers Google berichtet und diskutiert. Seit dem Start vor zehn Jahren ist Google zum Marktmonopolisten geworden. Das Wort "googlen" ist mittlerweile das Synonym für die Suche nach Informationen im Internet. Folglich wächst dem Unternehmen, dass den Algorythmus, auf dem basierend die Suchergebnisse erstellt und gelistet werden, hütet wie die Cola-Rezeptur, eine dominante Stellung zu: Wer bei Google nicht auf den ersten beiden Seiten erscheint, existiert praktisch nicht.

Insbesondere Datenschützer und kritische Netz-Organisationen bemängeln Googles Informationspolitik zum Umgang mit Nutzeranfragen und Kundendaten. Es wird befürchtet, dass das Unternehmen Suchanfragen und die im Rahmen der vielen Google-Anwendungen wie wie z.B. dem Blog-System Bogger, Google-Health, Google-Text und Tabellen, Google-Maps etc.) anfallenden Informationen speichert und für sinistre Zwecke bündelt, miteinander kombiniert und auswertet.

Schon jetzt macht Google mit dem Wissen über seine Nutzer Geld und bietet den Werbekunden an, ihre Botschaften passgenau an die richtigen Abnehmer und Zielgruppen zuzustellen. So durchforstet das Google-Mailprogramm "Googlemail" automatisiert die verschickten Texte und blendet beim Empfänger Werbung ein, die an Schlüsselbegriffen in den Mailtexten angepasst sind. Berichtet man in einer Mail über den schönen Urlaub in Griechenland wird folglich Werbung von Hotels in Griechenland, Billigflügen nach Athen oder Sprachkurs-CDs Griechisch eingeblendet.

Nun hat Google die anfallenden Datenmassen zu einer weiteren, scheinbar v.a. hilfreichen Anwendung gebündelt: Google Flutrends bildet Suchanfragen zu Grippe-Symptomen geographisch ab. Durch diese Lokalisierung sollen mögliche Grippe-Epedemien frühzeitig erkennbar werden.


Die dahinter stehende Annahme liegt auf der Hand: Wenn Menschen krank werden, erste Erkältungssymptome zeigen, googlen sie die Symptome. Wenn Suchanfragen zu entsprechenden Schlüsselbegriffen wie "Schnupfen", "Kopfschmerzen", "Grippe" etc. in einer Region signifikant zunehmen, darf vermutet werden, dass hier eine Grippewelle im Ausbruch begriffen ist.

Eine sinnvolle Anwendung. Dennoch: Google Flutrends ist nur ein neuerliches Beispiel dafür, wie aus Daten durch Kombination Informationen werden. Dieses Potential hat durchaus kritische Komponenten.

Im Rahmen der Debatte um die Patientenkarte, eine Chip-Karte für Krankenversicherte, ging und geht es um die Frage, was hier gespeichert werden soll. Es gibt Forderungen, Diagnosen, Krankheitsverläufe oder auch Bluttyp, Erbkrankheiten usw. auf dem Chip zu speichern. Dadurch würde vermieden, dass Daten mehrfach erhoben würden, eine zielgenauere Behandlung würde ermöglicht etc. Aber ebenso wäre denkbar, dass z.B. private Krankenversicherungen diese Informationen nutzen, um ihre möglichen Kosten zu reduzieren, in dem sie per se Menschen mit der Veranlagung zu bestimmten Krankheiten ausschließen. Von hier aus, lassen sich viele Einzelinformationen vorstellen, die in anderen Verwendungskontexten ihre Harmlosigkeit verlieren und deutlich machen, was Privatsphäre wert ist: Man stelle sich vor, man arbeitet für einen kirchlichen Träger, aber dieser kann in Erfahrung bringen, für welche Bücher, Filme oder sonstige Themen man sich interessiert.

In dem Film Se7en (Sieben) ermittelt der von Morgan Freeman gespielte Detective eine kleine Gruppe in Frage kommender Verdächtiger, indem er eine Reihe von Buchtiteln zusammenstellt, die zum ideologischen Hintergrund einer Mordserie passen und vom FBI, das diese Daten erhebt und speichert, überprüfen lässt, wer zuletzt diese Titel in öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen hat.

Es zeigt sich: Je mehr Daten auflaufen und je valider die abgeleiteten Muster und Typologien werden, desto problematischer wird der Aspekt des Umgangs mit ihnen. Allein der Anwender kann hier durch einen kontrollierten und kritischen Umgang mit Daten und Informationen entscheiden, wie wichtig ihm seine Privatsphäre ist.

(NT/heise/SZ/reticon - Bild: giselaroyo, SXC)

Zum Thema auch: Stasi 2.0 und Desinformation