Sonntag, Juni 08, 2008

Fidel Castra

Vor einigen Monaten hatte Alice Schwarzer angekündigt, die Chefredaktion der Zeitschrift Emma in die Hände von Lisa Ortgies übergeben zu wollen. Nach wenigen Wochen ist das Experiment gescheitert und der Nachweis für die Unersetzlichkeit der Bild-Werbeträgerin erbracht.

"wer ihre Bücher liest, ihre Interviews oder ihre Beiträge in „Emma“ und anderswo, gelangt geradezu zwangsläufig zu der Erkenntnis: Alice Schwarzer ist keine Feministin, sie ist der Feminismus."
(Faz)

Ortgies erklärte gegenüber dem Spiegel, dass sie "keinen konzeptionellen Vorschlag und keines der Themen", für die sie angetreten sei habe verwirklichen können. Schwarzer sieht jedoch die Schuld bei Ortgies und "beklagte im Gespräch mit dem SPIEGEL, dass ihre Nachfolgerin ihre Einarbeitung inklusive Probezeit wegen familiärer Verpflichtungen - sie nannte explizit "Kinder in Hamburg" und einen "kranken Vater"- mehrfach verschob." (SPon)
Eine berufstätige Mutter mit Wohnsitz in Hamburg und einem kranken Vater, die sich den zeitlichen Verfügbarkeitswünschen des Arbeitgebers nicht anpasst und dafür geschasst wird? Ist das die Art, mit der Frauen Frauen in Chefpositionen behandeln?

"Vernichtender hätte kein Mann nachtreten können."
(Die Welt)

Auf der Emma-Webseite wird die "Chronik der Ereignisse" ("ein wahnhaftes Dokument von äußerster Peinlichkeit." FAZ) sowie eine "Erklärung zur einvernehmlichen Trennung" als PDF angeboten und eine Pressemitteilung angeboten, in der wie an anderen, weiteren Stellen mitgeteilt wird, dass sich Lisa Ortgies "für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin.", die - wie in der Chronik den Unwissenden erklärt wird - "viel mit Organisation, Koordination und Konzeption zu tun hat", "leider - und ganz und gar
überraschend für alle" nicht eigne. Diese ach-so-schwere Herkulesarbeit bleibt eben an der verzichtsreichen und unersetzbaren Alice hängen. Whattayagonnado?

Die Chronik liest sich wie Leutnant Werners Kriegsberichterstattertagebuch aus DAS BOOT (vielleicht veröffentlicht BRIGITTE sie ja als Hörbuch in ihrer Reihe "Starke Stimmen" gelesen von Eva Herrman oder Petra Gerster?):

"1. April 2008 Lisa Ortgies tritt ihre Stelle an und ist in den ersten Aprilwochen, wie vereinbart, gesamt zwölf Tage präsent in der EMMA-Redaktion. Zu dem Zeitpunkt ist das Mai/Juni-Heft bereits quasi abgeschlossen. Für Alice Schwarzer und die Redaktion bedeutet das ab nun: EMMA vollverantwortlich weitermachen – und gleichzeitig die neue Kollegin nicht nur in die spezifischen EMMA-Abläufe einzuarbeiten, sondern überhaupt in die Tätigkeit einer Chefredakteurin. Denn die von EMMA als Autorin sehr geschätzte Lisa Ortgies hatte bis dahin noch nie als Redakteurin oder Ressortleiterin, geschweige denn als Chefredakteurin gearbeitet. EMMA ist dennoch überzeugt, dass die tüchtige und selbstbewusste Kollegin es
schaffen wird."

Ja ... die arme Alice, die arme Emma-Redaktion. Nehmen die schwere Aufgabe auf sich, die kleine Praktikantin einzuarbeiten und gleichzeitig noch die Hauptarbeit zu machen! In schönster Landser-Lyrik erklärt die Chronik, dass Alice Schwarzer -"allen voran" -, "ihren Posten als Chefredakteurin selbstverständlich keinen einzigen Tag verlassen konnte, sondern im Gegenteil in den letzten Wochen mit der doppelten Aufgabe beschäftigt war: dem Machen von EMMA und der Einarbeitung der Neuen."

"Gegen das System „Alice Schwarzer“ wirkt selbst die katholische Kirche wie ein Haufen umstürzlerischer Jungtürken."
(Faz)

Und das ist gar nicht so einfach, denn Alices Mädchen "hatte bis dahin noch nie als Redakteurin oder Ressortleiterin, geschweige denn als Chefredakteurin gearbeitet." In paternalistisch wangentätschelnder Manier wird Ortgies zu diesem Zeitpunkt noch zugetraut, "es" letztlich zu schaffen.

"Wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind. Auf dieser Ebene kann die Feministin mit Frank Schirrmacher auf Augenhöhe reden, ebenso wie sie Werbung für die Bild-Zeitung machen kann. Obgleich sie konträre Positionen einnehmen: Schwarzer, Schirrmacher und Diekmann bewegen sich in der gleichen Logik." (taz)

Ergänzt wird das Ganze durch eine weitere Erklärung, in der Emma/Schwarzer in einer Weise nachtreten, dass man sich über den gönnerhaften und herablassenden Ton und Stil wundern würde, wenn man nicht den mit Personenkult gleichgeschalteten StaliFeminismus Alice Schwarzers kennen würde.

Nicht nur wird betont, dass Ortgies "in Sachen Chefredaktion" "unerfahren" gewesen sei. Im Duktus eines Kleinemädchenpoesiealbums erklärt ein anonym bleibendes Schwarzer-Groupie-Kollektiv, dass "wir alle" "nicht nur die Hoffnung damit verbunden [hatten], dass Alice Schwarzer entlastet wird, sondern auch, dass zusätzliche neue Impulse in die EMMA kommen. Wir mussten dann jedoch zu unserer eigenen Enttäuschung feststellen, dass Lisa Ortgies zwar eine gute Autorin ist, sich jedoch nicht für die verantwortungsvolle und komplexe Tätigkeit einer Chefredakteurin eignet. Was sich sehr schnell herausstellte."

"Ein solches Zeugnis, vertraulich ausgestellt, haut dem Chef jedes seriöse Arbeitsgericht um die Ohren. Es zu veröffentlichen ist Rufschädigung "on top". Gut, dass viele Männer in Führungspositionen nicht so mit ihren Leuten umgehen. Grundsätzlich: Ein Unternehmen ist nicht dazu da, seine/r GründerIn zu beweisen, wie unersetzlich sie oder er ist. Das ist in der Wirtschaftsberatung ein weit verbreitetes Problem, und viele Unternehmensberatungen haben sich darauf spezialisiert, gerade auch in einer Erb-Epoche wie derzeit.", erklärt Friedrich Küppersbusch dazu in der taz.

[update 12. Juni] Auf ihrer Homepage (und im wortidentischen EMMA-Newsletter) äußert sich Alice Schwarzer zu den Vorgängen und der medialen Resonanz:
"Aufmerksamen ZeitgenossInnen wird es nicht entgangen sein: Im Kleinen laufen diese Hetzkampagnen gegen Alice & EMMA rituell alle paar Jahre, im Großen etwa im Zehn-Jahres-Rhythmus. Der Anlass ist beliebig, jeder Vorwand ist willkommen. Zum Beispiel eine Personalie, die bei jedem anderen Verlag ein Dreizeiler oder eine einmalige kleine Glosse wäre (wie im Falle Spiegel vor einigen Monaten). Und es fällt auf, dass es überwiegend die Immerselben sind, die Erschröckliches zu berichten wissen aus dem Hause EMMA (von Cathrin Kahlweit in der SZ bis Alexander Marguier in der FAS) - und dass ein einschlägiges Zitat der taz-Chefin Bascha Mika dabei selbstverständlich nie fehlen darf, neuerdings gehört auch die Autorin Thea Dorn zum festen Personal."

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